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Tuesday, December 4, 2012

Caravaggio und der Caravaggismus

Die meisten erfolgreichen künstlerischen Werdegänge sind geprägt von Gönnern, Kennern, Ausbildung, Rezeption, Kreativität und Auftraggebern. Dies gilt auch für eine Gruppe von Künstlern, die es zu Beginn des 17. Jahrhunderts, traditionell der Ausbildung entsprechend, nach Rom zog, und damit in eine Stadt, die zu jener Zeit von einem tendenziell normzerstörenden Künstler geprägt war – Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610). Mit seinen fesselnden Kompositionen, einem radikalen Naturalismus und einer zuvor nicht gekannten Lichtregie entwickelt er einen ihm eigenen Stil. Figuren werden mithilfe der schlaglichtartigen Beleuchtung modelliert, der verdunkelte Hintergrund wird undefinierbar und so die Szene dramatisch zugespitzt.

Für diese Gruppe nach Rom drängender junger Künstler aus Utrecht, unter ihnen Dirck van Baburen (1595-1624), Hendrick ter Brugghen (1588-1629) und Gerrit van Honthorst (1592-1656), sollte Caravaggio zum künstlerischen Vorbild avancieren. In Rom fanden sie seine Bilder nicht nur in den Kirchen und Palazzi, sondern auch bei ihren eigenen Auftraggebern wie etwa Vincenzo Giustiniani (1564-1637).

Die Utrechter Caravaggisten, wie sie sich, zurück in den Niederlanden, ab 1620 nannten, schufen vor allem Historiengemälde und zahlreiche Genrebilder, in denen sie mit Vorliebe Dirnen, Musikanten und Wirtshausszenen darstellten. Das Schlaglicht Caravaggios erhielt Einzug in die traditionellen niederländischen Bildthemen, die caravaggeske Beleuchtung wurde durch künstliche Lichtquellen wie brennende Kerzen ergänzt.

Image
Hendrick ter Brugghen, Junger Mann, seine Pfeife mit einer Kerze anzündend, ca. 1625.
Öl auf Leinwand, 67,6 x 55 cm.
István-Dobó-Museum, Eger.


Während Michelangelo Merisi da Caravaggio den entscheidenden und unverkennbarsten Einfluss auf diese jungen Maler hatte, so gab es doch zahlreiche europäische Künstler, die Caravaggio rezipierten. In Italien gehörten Bartolomeo Manfredi (1580-1622), Orazio und Artemisia Gentileschi (Vater (1563-1639) und Tochter, (1593-1653)) und Carlo Saraceni (1570-1620) zu den bedeutenden Vertretern, die Lichtregie und Realismus der Modelle übernahmen, in Frankreich sollten vor allem Simon Vouet (1590-1649), Valentin Boulogne (1591-1632) und Georges de La Tour (1593-1652) den Caravaggismus prägen.

Lassen Sie sich von einem der großartigsten und künstlerisch einflussreichsten Maler der Kunstgeschichte und seinen Rezipienten noch bis zum 10. Februar 2013 in der Ausstellung Bodies and Shadows: Caravaggio and His Legacy im LACMA Los Angeles fesseln, oder entdecken Sie den Meister von Licht und Schatten und seine dramatischen Kompositionen in den verschiedenen Formaten, Best Of, Mega Square und Temporis, des Verlages Parkstone International.

Tuesday, November 13, 2012

Barock oder Moderne – der Versuch einer Definition?

Die Kunstgeschichte hat immer versucht, jeder Epoche und jedem Stil einen Namen und eine Definition zu geben. Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte – aus Epochen wurden „Strömungen“. Historisch-politische Umschwünge hatten zumeist auch eine Richtungsänderung in der Kunst zur Folge, und so brachte das 17. Jahrhundert, geprägt vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und dem Absolutismus, die Kunst des Barock hervor, derer sich später auch die Aufklärung bedienen sollte. Überschwängliche, runde und ausladende Formen, ein Übermaß an Schmuck, dramatische Lichtregie, Dynamik, Symmetrie, Repräsentation und das Bewusstsein der Vergänglichkeit definieren im Allgemeinen die Architektur, Skulptur und Malerei des Barock. Das Gesamtkunstwerk prägte Profan- und Sakralbauten, ekstatische Bewegungen die Skulptur und Theatralik die Malerei. Und wer kennt sie nicht, das Schloss in Versailles, Gian Lorenzo Berninis Apollo und Daphne (1622-1625) oder Rembrandt van Rijns Nachtwache (1642)?

 


Rembrandt van Rijn, Die Kompanie des Hauptmanns Frans Banning Cocq oder Die Nachtwache, 1642.
Öl auf Leinwand, 379,5 × 453,5 cm.
Rijksmuseum, Amsterdam.


 

Für die Moderne scheint eine Definition fast unmöglich. Das vergangene Jahrhundert hat zwar die Kunst immer wieder neu erfinden wollen und dies mehr oder weniger auch getan, aber „Strömungen“ waren nicht mehr bestimmbar und auch das moderne Kunstwerk musste als Kunstwerk vom amerikanischen Philosophen und Kunstkritiker Arthur C. Danto (*1924) in seiner Verklärung des Gewöhnlichen 1984 erst wieder identifiziert und definiert werden.

Erstaunlich ist es dann aber doch, dass bei soviel Innovation und der Frage um die Berechtigung eines Gegenstandes als Kunstwerk die definierenden Eigenschaften einer längst vergangenen Epoche offenbar wieder Anwendung finden. Bei dem Gedanken an überschwängliche Formen, Dynamik, Ekstase und Theatralik sollten nicht nur Jeff Koons (*1955), Frank Stella (*1936) oder der Architekt Frank Gehry (*1929) Assoziationen hervorrufen.

 


Jeff Koons, St. John the Baptist, 1988.
Porzellan, 143,5 x 76,2 x 62,2 cm.
Seattle Art Museum, Seattle.


 

Trotz neuer Formensprache und künstlerischer Intention scheint die Rezeption doch wieder einmal die wirkliche Konstante in der Kunstwissenschaft zu sein. Und so zeigt die Art Gallery of Alberta noch bis zum 6. Januar 2013 in der Ausstellung Misled by Nature: Contemporary Art and the Baroque, zeitgenössische Künstler in ihrer Auseinandersetzung mit der Kunst und den Künstlern des Barock.

Wenn Sie selbst mehr über die architektonischen Gesamtkunstwerke, die Meisterleistungen der Skulptur und Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts erfahren möchten, erhalten Sie mit dem Titel Baroque Art von Victoria Charles und Klaus H. Carl des Verlages Parkstone-International einen umfangreichen ersten Überblick.

 

 

Thursday, November 8, 2012

Die Metamorphose der Skulptur

Ein Kunsthistoriker muss in seinem Leben mindestens zwei Bücher gelesen haben, die Bibel und Ovids Metamorphosen. So oder so ähnlich begann einer meiner Professoren ein Seminar zu den Göttern, Helden, Nymphen und Verwandlungen, denen man in den 15 Büchern der Metamorphosen begegnet. Und es ist doch immer wieder erstaunlich, wie uns diese Geschichten über Jungfrauen verfolgende liebestolle Jünglinge, einen triebgesteuerten Göttervater und seine eifersüchtige Ehefrau, die schöne Mutter des Liebesgottes und den Helden am Scheideweg nicht nur die Welt erklären, sondern uns auch einen wunderbaren Zugang zu den Meisterwerken der Kunstgeschichte gewähren.

Nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Bildhauerei ist das Wissen über die griechischen und römischen Mythen in der Auseinandersetzung mit den Kunstwerken essenziell. So auch bei der Betrachtung der Skulpturen Berninis. Wie kaum einem anderen gelingt es ihm, die mythischen Szenen in Marmor zu bannen. Die Dynamik der Verfolgung Daphnes, die zum Schutz vor Apoll von ihrem Vater, dem Flussgott Peneios, in einen Lorbeer verwandelt wird, bannt Bernini in einen einzelnen Moment – der Moment, in dem Apoll Daphne erreicht und ihre Verwandlung beginnt.


Gian Lorenzo Bernini, Apollo und Daphne, 1622-1625.
Marmor, Höhe: 243 cm.
Galleria Borghese, Rom.


Doch kann man diese technische Meisterleistung der Bildhauerei trotz ihrer Anmut und Einzigartigkeit nur mit dem Wissen über die Geschichte von Apoll und Daphne verstehen. Um die Erhabenheit dieser barocken Skulptur in ihrer ganzen Herrlichkeit genießen zu können, musste ich die Metamorphosen lesen und bin seitdem immer wieder fasziniert davon, wie sich vor meinen Augen ein Kunstwerk in eine Geschichte verwandelt.

Den Wandel von der Skizze zum Modell und schließlich zur vollendeten Skulptur Berninis können Sie noch bis zum 6. Januar 2013 im Metropolitan Museum of Art in der Ausstellung Bernini – Sculpting in Clay nachverfolgen. Lassen Sie sich entweder in New York in die Welt der Verwandlung innerhalb eines Entstehungsprozesses entführen oder verfolgen Sie die Geschichte der Skulptur von der Antike über die Renaissance und das Barock bis hin zur Moderne mit dem Buch Skulpturen des Verlages Parkstone-International.

Wednesday, September 12, 2012

Peter Paul Rubens oder Die Kunst der Werbung

Während manche Gemälde Peter Paul Rubens (1577-1640) auf den ersten Blick wie Illustrationen eines Kitschromans erscheinen, reicht ein wenig Geduld, um in seinen Werken eine Vielzahl mythologischer, religiöser oder historisch-politischer Anspielungen zu entdecken. Reine Landschaften oder Porträts ohne literarische Referenzen, die sogenannte l’art pour l’art, sind eine Errungenschaft der späten Neuzeit. Lange bevor das Radio, der Fernseher oder andere Nachrichten übermittelnde Medien erfunden waren, diente die Kunst in den verschiedenen Epochen mal mehr und mal weniger der Verbreitung von Neuigkeiten und Meinungen – und Rubens wusste genau, wie er mit seinen Gemälden die ungeteilte Aufmerksamkeit vor allem potenzieller Auftraggeber erlangen konnte.

Es scheint fast, als hätte er bereits die AIDA-Formel der heutigen Werbebranche gekannt – Attention, Interest, Desire, Action –all dies lässt sich nämlich in Rubens Werken wiederfinden: Ganz nach dem Motto Sex sells wecken in Rubens‘ mythologischen Darstellungen vollbusige nackte Frauenkörper in lasziven Posen die Aufmerksamkeit. Von den nackten barocken Modellkörpern wird der Blick auf die spannungsgeladene, durch Blicke, Gesten oder Bewegungen alle dargestellten Figuren verbindende Interaktion gelenkt. Von diesem Beziehungsgeflecht gefesselt, ist das Interesse des Betrachters endgültig geweckt. Der Wunsch, das Dargestellte im Ganzen zu erfassen, lässt ihn nun selbst aktiv werden: Auf der Suche nach dem tieferen Gehalt des Bildes, durchsucht er die Bildoberfläche nach allegorischen Verweisen und versucht, die werkimmanente Symbolik zu entschlüsseln.


Peter Paul Rubens, Minerva beschützt Pax vor Mars
(Krieg und Frieden), vor 1630.
Öl auf Leinwand, 203,5 x 298 cm.
The National Gallery, London.


Seine dramatische Bildsprache verband Rubens mit seiner 1623 aufgenommenen diplomatischen Tätigkeit. Bereits 1629 wird er vom spanischen König zum Sekretär des Geheimen Staatsrats der Südlichen Niederlande ernannt und fährt im Juni desselben Jahres nach London, um Friedensverhandlungen zwischen Spanien und England zu führen. Auch mit seiner Kunst setzte er sich aktiv für den Frieden ein und schenkte dem später hingerichteten englischen König Karl I (1600-1649) während den Friedensverhandlungen das kritische auch als Krieg und Frieden bekannte Gemälde Minerva beschützt Pax vor Mars (vor 1630; London, The National Gallery) auf dem die Vorzüge des Friedens und die Folgen des Krieges eindrücklich wiedergegeben sind. Um sein diplomatisches Anliegen zu bekräftigen, malte er während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) für den Herzog von Toskana das Bild Die Schrecken des Krieges (1638; Florenz, Palazzo Pitti).

Rubens verstand es jedoch nicht nur, in seinen allegorischen und mythologischen Werken zeitgenössische Geschehnisse zu verpacken, sondern er schuf auch zahlreiche Porträts, Landschaften, Genrebilder und insbesondere christliche Gemälde zur Unterstützung der katholischen Reform. Eine große Auswahl seiner Werke wird das Wuppertaler Von der Heydt-Museum vom 16. Oktober und bis zum 28. Februar 2013 in der Ausstellung Peter Paul Rubens zeigen. Weitere Informationen und viele farbige Abbildungen in herausragender Qualität gibt es auch in dem im Verlag Parkstone-International erschienenen Buch Rubens zu entdecken.

 

-C. Schmidt